Rezension von Frank Schneider

Im Frühjahr dieses Jahres präsentierten die Wiener Symphoniker eine Neueinspielung von Beethovens 2. Sinfonie unter dem Dirigat von Harke de Roos – mit dem Anspruch, die wirklich authentischen Tempovorstellungen des Komponisten, entgegen einer weitgehend verfälschenden Aufführungstradition, erstmals zu realisieren. Das Resultat vorab in einem Satz: Das Werk wird viel langsamer musiziert als heute üblich, dauert hier 46 ½ Minuten und ist also cirka um ein Drittel länger als die meisten Standardaufnahmen, die wir kennen. Damit gibt es für die Diskussion nicht nur der Fachleute ein erstes klingendes Dokument zu jenen Tempo-Theorien, die sich seit je um Beethovens eigenhändige, anscheinend aber höchst exzentrische Zeitmessungen seiner Werke mit Hilfe eines sogenannten Metronoms ranken und die den holländischen Dirigenten de Roos seit über einem Vierteljahrhundert intensiv beschäftigen. Er hat sich darüber bereits in diversen Medien geäußert, bevor er seine Gedanken in einem Buch zusammenfasste, das 2011 im Katharos-Verlag unter dem Titel "Der andere Beethoven – Das Rätselmetronom oder Die dunklen Tränen" erschien.

Dieses Buch setzt zwar monographisch den TempoDiskurs ins Zentrum der Überlegungen, geht aber weit darüber hinaus in Richtung einer biographischen Erkundung, die eben auch generell, auf der Basis neuer Lesarten von durchaus kaum bekannten Quellen, einen "anderen Beethoven" vorstellt – als Segmente eines genialen KomponistenLebens, die gerade dort bohrend problematisiert und fantasievoll ausgestaltet werden, wo sich die biographische Wissenschaft aus Mangel an Fakten oder aus Furcht vor rein spekulativ erscheinenden Fragestellungen zurückhalten muss. Oft ist die Faktenlage ja so mager, dass sich, wissenschaftlich gesehen, gar keine zulänglichen Lebensbilder liefern lassen – und wer hier Grenzen überprüfbarer Argumentation nicht überschreiten will, mag dieses Buch, das übrigens auch seine reichlich zitierten Quellen nicht annotiert, rasch zur Seite legen. Man liest es aber dennoch mit erheblichem Gewinn, weil eine Fülle oft sehr überraschender Thesen und Theoreme dazu verführen kann, viele biographisch überkommene Klischees zu überdenken, zu hinterfragen und ein Künstlerleben in punktuell vollkommen neuem Licht zu sehen. Beispielsweise ist es nicht ohne Tradition, bei Beethovens politischem Weltbild das radikalantihöfische, plebejischdemokratische Vermächtnis der Französischen Revolution zu akzentuieren, aber man hat bisher kaum danach gefragt, inwieweit sich nach 1813, in der Zeit royalistischer Restauration, darin eine staatsgefährdende Attitüde offenbarte, die zu Beethovens geheimdienstlicher Überwachung (vermutlich durch den Adlatus Anton Schindler sogar!) und vielleicht sogar zu dessen politisch motivierter Ermordung mithilfe eines Klüngels bestochener Arzte führte.

Was denkbar erscheint, kann in der Regel natürlich auch de Roos faktisch kaum verifizieren – aber dieser methodische Nachteil ficht ihn nicht an, sondern treibt ihn fröhlich zu diversen Verschwörungstheorien und kataraktischen Schlussfolgerungen, die oft aus marginalen Quellen größtmögliche Konsequenzen konstruieren – wie gesagt mit unversieglicher Fabulierlust für ein oft atemberaubendes Lesevergnügen für all jene, die solchen geistigen Abenteuern als Anregungen zu neuem Nachdenken sich öffnen. Es werden Geschichten erzählt, denen man oft im Einzelfall kaum zu glauben wagt, von denen der Autor aber mit großer Gewissheit erwartet, dass sich die Nachweise ihrer Plausibilität schon noch finden lassen. Dafür sei ein besonders drastisches Beispiel aus dem MozartBuch von de Roos herangezogen – ebenfalls 2011 unter dem Titel "Das Wunder Mozart in der Aufklärung" im KatharosVerlag erschienen. Auch hier figuriert als biographische Klammer eine manifeste Staatsverschwörung gegen den genialen, freiheitsdurstigen Rebellen im Zusammenspiel des Kaiserhauses mit der Staatskanzlei und dem Fürstengeschlecht der Colloredo, aus deren Salzburger Diensten sich Mozart 1781 gleichsam gesetzeswidrig (und durch einen berühmten adligen Tritt in den Hintern des Komponisten) befreit hatte. Zum Rachebedürfnis der Colloredos angesichts einer solchen dreisten Unbotmäßigkeit gesellte sich in den Wiener Jahren laut de Roos ein wachsendes Unbehagen des Adels gegenüber Mozarts intransigenter Kunst und Persönlichkeit. Kernstück sei vor allem eine Art Privatkrieg Mozarts gegen Kaiser Joseph II. gewesen, indem er die drei großen DaPonteOpern, "Figaros Hochzeit", "Don Giovanni und "Cosí fan tutte", als mehr oder weniger versteckte Angriffe – nicht auf das Oberhaupt der habsburgischen Aufklärung, sondern auf den Kaiser als brutalen sexuellen Freibeuter deutet. Aus einer überlieferten pauschalen Bemerkung von Josephs Schwester Maria Karoline, keine Frau in Wien sei seinen Nachstellungen entgangen, folgert de Roos in sehr direkter Interpretation, dass auch Mozarts Frau Konstanze und seine Schwägerin, die Sängerin Aloysia Lange, geborene Weber, zu den Geschändeten gehört haben mussten. Sollte Mozarts persönliche Betroffenheit sich als Rachebedürfnis in EnthüllungsOpern artikuliert haben, müsste sich in der Tat, auch nach Josephs Tod unter dessen mysteriös früh verstorbenen Nachfolger Leopold II, angesichts der politischen Nervosität durch die revolutionären Ereignisse in Frankreich, Mozart immer mehr als Fall eines renitenten, provozierenden Künstlers dargestellt haben, der speziell behandelt werden musste. So glaubt denn de Roos, dass Mozarts Tod einem politischen Mord auf hohem Befehl durch gezielte medizinische Fehlbehandlung geschuldet sei und dass auch sein ominöses Begräbnis nur vorgetäuscht wurde, während Staatskanzler Fürst Kaunitz die Leiche auf seinen Privatsitz nach Austerlitz verbringen ließ. Ist eigentlich – das läge ja nahe  dort in Mähren schon einmal nachgeschaut worden?

In ähnlicher Weise wird uns auch Beethoven nicht nur als genialer Eigenbrötler, sondern vor allem als politischer Freidenker dargestellt, der von der Obrigkeit nur so lange geschont wurde, wie man ihn für den geborenen Nachfolger Haydns und vor allem Mozarts halten konnte. Mit seinem künstlerisch "neuen Weg", den er nach 1800 beschritt, über wand er alle epigonalen Erwartungen und schuf bei fortschreitender Ertaubung jenes gewaltige Oeuvre seines heroischen und dann späten Stils, das den meisten Zeitgenossen als schwerverdauliche Kost, als angestrengt hirnlastig und oft genug als aufrührerisch mit politischem Hintersinn erschien. De Roos folgt grosso modo dem Lebenslauf und verblüfft uns auch hier mit einer Fülle bisher ungedachter Einsichten, die oft genug auch provokativen Charakter annehmen. Seinem Gedanken, dass der "Brief an die unsterbliche Geliebte" vielleicht gar keiner realen Frau, sondern einfach der Muse der Musik selbst gegolten habe, ist schon deswegen sympathisch, weil die weitgehend überflüssige Suche nach einem weiblichen Wesen, das man doch nie zweifelfrei erkunden wird, damit endlich zu Ende gehen könnte. Und auch in der Frage des Ringens um die Vormundschaft für seinen Neffen Karl, der Beethoven jahrelang seiner Schaffenskraft beraubte, wird in seiner Unerbittlichkeit sofort verständlich, wenn man eine knappe Bemerkung aus einem Brief Beethovens an seinen Anwalt ernst nimmt, dass er nämlich nicht der Onkel, sondern in Wahrheit der Vater sei.

Als roter Faden durchzieht nun den Text die über mehrere Kapitel verteil te Erzählung von Beethoven und seinem Metronom: von seiner Bekanntschaft und seinen Konflikten mit jenem Johann Nepomuk Mälzel, der nicht ganz zu Recht als Erfinder dieses Messgerätes gilt; von seinen Vorbehalten gegenüber mechanischen Tempofixierungen im allgemeinen; von seiner Bereitschaft schließlich im Jahre 1817, vor allem die bis dahin komponierten Sinfonien und Streichquartette Satz für Satz mit derartigen Festschreibungen zu versehen und zu veröffentlichen. Das Irritierende des Vorgangs liegt nun in der Tatsache, dass einerseits Beethovens TempoAngaben sich oft als weitgehend praxisfern, das heißt überwiegend als unsinnig schnell und im Widerspruch zu den kompositorischen Konditionen erweisen – und dass andererseits erst nach Beethovens Tod überhaupt das Problem diskutiert und als seltsames Rätsel einer Fehlleistung ganz ohne praktische Relevanz gewertet wurde. De Roos nun aber glaubt – und exerziert dies in einer ganzen Reihe von Beweisketten mit großer Gründlichkeit, Sachkenntnis und ar gumentativer Schärfe, dass Beethoven hier seinerseits ein Kunstwerk der Verrätselung, ein Zahlenspiel mit "vorgetäuschten Irrtümern" in Szene gesetzt hat – wohl zu keinem anderen Zweck, als über die Methode von "Trial and Error" die Benutzer seiner Musik zur Einsicht in die jeweils richtigen Tempi zu führen. Wenn man die angegebenen Tempozahlen für das Metronom nach gewissen proportionalen Prinzipien (in Analogie zu den Verhältnissen beim Obertonspektrum) "bricht", bekommt man richtige, musikalisch vernünftige Tempi, die sich auf schon ein zu Beethovens Zeit verloren gehendes Wissen über sozusagen natürliche TempoRelationen – das vom Musiker zu spürende "tempo giusto" oder "tempo ordinario"  in zyklischen Werken zwischen langsamen und schnellen Teilen beziehen.

Beethoven verweist also hinter dem vordergründig gegebenen "Takt nach Mälzel" im Sinne eines didaktischen GegenMetronoms auf einen "Takt der Empfindung", der anders schlägt, aber Beethoven viel wichtiger war als alle mechanische Einengung, der er sich in diesem raffinierten numerischen Versteckspiel widersetzen wollte. Die Gründe für dieses ungewöhnliche Verrätselungsspiel des Komponisten bleiben Vermutungen, die der Autor im Zusammenhang mit bestimmten Charakterzügen des Meisters diskutiert, aber die "Auflösungen", die de Roos in akribischen Beweisführungen demonstriert, können durchaus überzeugen, wenn man sein Netzwerk plausibler Motivierungen akzeptiert. Für die detaillierte Darstellung dieses ganzen Komplexes ist allerdings spezielles Fachwissen ebenso notwendig wie eine auch optische Form der Veranschaulichung seiner Theoreme, die gerade das Rado nicht leisten kann und daher hier im Einzelnen nicht ausgeführt werden soll. Wir können aber aus der eingangs erwähnten DemonstrationsCD ein Beispiel für die überwiegend realisierte Tendenz der TempoVerlangsamung einspielen: das Scherzo aus der 2. Sinfonie mit den Wiener Symphonikern. So wichtig derartige Unternehmungen für unser historisches Wissen auch sind, so dankbar man für neue Einsichten zu einem bislang ungelösten Problem gerne ist und so sehr man solche aufschlussreichen Experimente sich im Konzertsaal auch wünschen mag – ein solcher Kurswechsel wird sich wohl nur schwer in der Breite durchsetzen lassen: Denn die Praxis verhält sich nun einmal auch so, dass sich heutiger (und aller) Geschmack nicht unbedingt nach "Richtig oder Falsch" im Sinne geschichtlicher Authentizität richtet, sondern in den Fragen der musikalischen Interpretation, wie in vielen anderen leider Gottes auch in dieser Welt, sich diversen, kaum weniger legitimierten, so rätselhaften wie faktisch mächtigen ZeitgeistPhänomenen unterwirft, gegen die kaum das Kraut historischer Wahrheiten gewachsen ist. Ihre Ohnmacht sieht und hört man vor allem dort, wo namentlich im Lager der Musikanten und Dirigenten sich noch immer wieder das Füllhorn klingender Torheiten, fachlichen Unwissens und weiterer menschlicher Eitelkeiten ungehemmt ausbreitet. Aufklärende, gedankenstarke, ja auch provozierende Bücher wie die von Harke de Roos gehörten zu einer Wende wider solche grassierenden Untugenden, wenn diese sich doch nur bemerkbar machen würde!